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Skandal oder wichtige Provokation?

Charlotte RocheEnfant terrible und Grimmepreisträgerin Charlotte Roche legt nach. Ihr Erstlingswerk “Feuchtgebiete” ist heiß diskutiert. Vielleicht weil es so unverfroren deutlich, unverfälscht und unkonventionell daherkommt.

Literarisch ist das Buch relativ weit davon entfernt als sonderlich poetisch durchzugehen, zumindest, wenn man diesen Begriff im traditionellen Sinne versteht, auch muss man nicht alles zu streng nehmen, was darin niedergeschrieben steht. Und dennoch: Immerhin hat es das Buch auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste geschafft und ich kann einfach nicht umher Charlotte Roche dankbar für dieses eigenartige Werk zu sein. Denn was am Ende im Geiste hängen bleibt, wenn man etwaige Extreme mal auf ihre Kerne herunterbricht, ist schlichtweg befreiend.

Wenigstens einen Moment lang. Genau so lange, bis frau sich im tiefsten Winter mit Rasierer und Schaum in der Hand ertappt, um sich lediglich für eventuelle Annäherungen frisch zu machen. Nein, nichts gegen Hygiene, aber wie weit muss man es treiben? Was ist normal? Dass Männer mit ihren “kleinen Jungs” freudig, auch gern mal ungewaschen und vor allen Dingen, ohne sich deshalb den Kopf zu zerbrechen, die Damenwelt penetrieren, scheint völlig normal zu sein, während einer Frau fast überall, vor allem in den visuellen Medien, suggeriert wird, sie müsse bis in den kleinsten Winkel weich, rasiert, wohlgeformt, glatt und parfümiert sein, um auch nur irgendwie erotisch zu sein (siehe dazu: Videolink Roche bei TV Total, unten). Ja, so wächst man heute als junge Frau auf. Und ja, das stellt für so manche Frau einen gewissen Druck dar. Tut sich da nicht eine Ungerechtigkeit auf?

Roche

Warum eigentlich sind Männer mit Drei-Tage-Bart sexy und Frauen mit “Drei-Tage-Beinen” nicht? Warum dürfen Männer ihr Image vom schroffen Softie oder vom Macho mit weichem Kern pflegen und werden dafür oft noch bemitleidet, während Frauen mit sich selbst ausmachen müssen, wie sie den Spagat zwischen den Gegensätzen (unabhängig&wild vs. anhänglich&süß oder Sexgöttin vs. Mutter) schaffen und wie sie diese in sich vereinen, um den Ansprüchen gerecht zu werden? Oder warum hat sie Schwierigkeiten dabei einfach mal relaxed nach dem Sex liegen zu bleiben, um den Moment zu genießen, und nicht sobald der Akt rum ist dierkt ins Bad zu rennen, um sich zu “reinigen”. Diesbezüglich gibt es auch ein nettes Zitat von Ms Roche:

“Das Problem ist immer, dass Sex für Werbung darstellbar gemacht wird und sehr sehr sauber dargestellt wird: haarlos, schweißlos, geruchsneutral. Und echter Sex ist eben tierisch und dreckig und derbe und schleimig und flutschig, und das sieht man nirgendwo.”

Warum liegt bei Frauen ein verstärkter Fokus auf Äußerlichkeiten? Wer sagt endlich einmal, dass das nicht alles ist und rasierte Beine noch lange keinen guten Sex ausmachen? Und was, liebe empörte Kritiker da draußen im Lande, ist so schlimm daran, wenn endlich mal eine junge Frau und Mutter daherkommt und einfach ein Buch darüber schreibt, das den Vorschlag macht, dass man sich auch als Frau mal gehen lassen darf, das die Dinge mal beim Namen nennt und dazu animiert das Ganze zur Normalität gewordene Prozedere zu hinterfragen und etwas entspannter zu sehen? Und vor allen Dingen, dass endlich mal eine Frau ganz unverhohlen über Sex schreibt und damit die gesamte deutsche Medienwelt aufmischt. Ich sage: Danke. Danke auch dafür, dass all die empörten Reaktionen erst so richtig deutlich machen, was fast alle jungen Frauen (und Männer?) ohnehin spüren: Dass es immer noch nicht, vielleicht sogar immer weniger möglich ist, eine offene Gesprächsbasis zu finden, um eben solche intimen Themen anzusprechen.Feuchtgebiete

Roche präsentiert uns eine Protagonistin, die zwar auch nicht ganz frei von Zwängen ist, aber so radikal offen sich selbst und vor allem ihrer Umwelt gegenüber steht, dass ihre Selbstbestimmtheit einem beim Lesen fast entgegenspringt. Und das zu einer Zeit, in der man fast meinen möchte, dass wir uns wieder in einem Zeitalter befinden, das zutiefst einer Doppelmoral verfallen ist, die stark an die der Belle Époche erinnert - nur andersrum: In der Öffentlichkeit ‘offener’ denn je, teilweise so offen, dass es einschüchternd wirken kann, und im ganz persönlichen Bereich zum Teil schamhaft prüde. Indem sie ihrer Protagonistin das in den Mund legt und aussprechen lässt, was sich sonst nur wenige trauen würden, gibt Roche vielen jungen Frauen eine Stimme. Zu hoffen wäre, dass es dank solcher Frauen wie Ms Roche endlich ein Umdenken gibt, dass der neuen Emanzipation gerecht wird. Denn subtiler und differenzierter sucht diese im Gegensatz zu ihren “VorgängerInnen” eine vernünftige und faire Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Auch ich muss zugeben, dass Ms Roches Heldin tatsächlich auch für meinen Geschmack stellenweise ziemlich “roh” zu Werke geht - und ich bin wirklich offen für neuen Stil. Aber ist es nicht so, dass man heutzutage manchmal Grenzen überschreiten muss, um überhaupt erst einmal gehört zu werden? Und wenn nur ein Bruchteil davon ankommt, ist wenigstens schon ein Stück weit das Ziel erreicht. Ja, man könnte sagen, dass es sogar wichtig ist, dass die Sprache in diesem Werk genauso ist, wie die Geschichte: extrem. Extrem relevant als Denkanstoß. Warum ich glaube, dass ein solcher vonnöten ist? - Weil gerade in einer Zeit, die von einem grellen, visuell fast unausweichlich mit Sex angereicherten Film überzogen und darin wohl unübertroffen ist, es immer schwieriger zu werden scheint, dieses grundmenschliche Thema noch offen und vernünftig zu besprechen. Mein Fazit: “Feuchtgebiete” (DuMont Verlag, €14,90). Wichtige Provokation.

Mehr zu Inhalten, und was Ms Roche dazu zu sagen hat:

http://www.rbb-online.de/_/stilbruch/beitrag_jsp/key=7171082.html

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,537317,00.html

Charlotte Roche bei TV Total (2/2) - MyVideo

Kleiner Musik-Link zum Abschluss:
Meredith Brooks BITCH - MyVideo

~ von currentcomment am März 31, 2008.

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